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Doppelwhopper

Wie Dozenten und Studierende einen Marathon bewältigen

Nach vier Jahren war es wieder so weit: zwei Lernveranstaltungen pro Semester. Eigentlich mache ich das nicht mehr. Auf Wunsch der Studierenden habe ich neben Consulting das Wissenschaftliche Arbeiten wieder hinzugenommen. Wichtigste Lektion für mich: zwei in einem Semester ... geht. Zwei an einem Tag ... geht nicht so gut. Dank der Studierenden, guter Sekretärinnen und eigener Routine lief es.

Zwei an einem Tag

Zwölf-Stunden-Tag. An- und Abfahrt zusammen drei Stunden, Wissenschaftliches Arbeiten mit dreiunddreißig Studierenden am Vormittag, Mittagessen, das oftmals aus Management by Walking (Blog vom 08.11.2017) besteht und dann der Nachmittag mit Consulting bis in den frühen Abend.


Die Arbeitsmedizinerin in mir sagt: Nein, nicht gut. Die Dozentin: Sind doch nur fünf Termine. Die Coach: Du hast noch drei andere Jobs (Blog vom 30.08.2017). Denke daran, dass du für jeden ausgeruht sein willst, damit die Qualität stimmt ... und damit die Freude daran.

 

Im nächsten Turnus werden es wieder - wieder gewohnt - Nachmittagstermine für beide Lernveranstaltungen. Der Vorteil für die mit dann zwanzig statt fünfzehn Unterrichtseinheiten immer noch sehr kurze Lernveranstaltung Wissenschaftliches Arbeiten 3 ist, dass die Nachmittage mit jeweils fünf Unterrichtseinheiten mehr Raum für eigene Arbeiten der Studierenden bieten. Außerdem lässt sich dann der Flohzirkus leichter hüten. So empfinde ich es manchmal bei mehr als zwanzig Lernenden.


Doch nun zu denen, die beim Kompetenz-orientierten Lernen im Mittelpunkt stehen, die Lernenden, in diesem Fall die Studierenden.

 

Täglich grüßt das Murmeltier

Täglich Brot im Lernen und Lehren ist das Auftreten der immer wieder gleichen Fragen und Antworten. Die Kunst des Lehrens besteht darin, die Geduld zu bewahren und mit den Studierenden daran zu arbeiten. Am besten mit Humor, sonst gibt es Frust bei beiden, den Lernenden und den Lehrenden.

 

Wissenschaftliches Arbeiten ist Handwerkszeug für _jeden_ Akademiker

Wiederholt habe ich in diesem Blog für eine bessere und frühere Ausbildung der Studierenden im Wissenschaftlichen Arbeiten auch und gerade in einem Bachelorstudiengang an einer Hochschule plädiert (Blog Lernen & Lehren). Es ist ein Muss.

 

Wissenschaftliches Arbeiten, also die Konzeption, Durchführung, Auswertung und Berichterstattung einer Studie mit der fundierten Auswahl und Anwendung angemessener Methoden gehört zum Handwerkszeug im Projektmanagement und auch anderen Aufgaben im Berufsleben. Menschen, die einen akademischen Grad erhalten, _müssen_ dies können, auch wenn sie nicht eine wissenschaftliche Karriere verfolgen.


Kern wissenschaftlichen Arbeitens ist die Kunst, Fragen zu stellen und daraus Annahmen und Hypothesen zu entwickeln _und_ eine fundierte Literaturarbeit durchzuführen.


Genau daran hapert es ganz fürchterlich bei vielen Studierenden im vierten, fünften oder sechsten Semester, die mir bislang begegnet sind. Dafür sind nicht sie, sondern in erster Linie diejenigen verantwortlich, die Lehrpläne und Curricula entwickeln, die Wissenschaftliches Arbeiten zu einer Randveranstaltung degradieren und Dozenten engagieren, die selbst nicht wissenschaftlich arbeiten. Und es sind diejenigen verantwortlich, die es unterrichten und selbst nicht wirklich können.

 

Sprache

Zu wissenschaftlichem (und anderem) Arbeiten gehört auch das Verfassen und Vortragen von Berichten. Die Sprache ist in den Arbeiten zahlreicher Studierender sehr ausbaufähig. Morbus Passiv (Blog vom 19.04.2017), Schachtelsätze und Fehler in Rechtsschreibung und Grammatik. Alles ist vertreten und zwar in einem zum Teil erschreckenden Ausmaß.


Liegt es an mangelnder Motivation der Studierenden? Es geht schließlich nur um Bestanden oder Nicht-Bestanden? Oder ist der Unterricht an den Schulen bis zur (Fach-)Hochschulreife so unzureichend? Oder sind die Lehrenden an den Hochschulen zu nachlässig? Beispielsweise erlebe ich eine deutliche Verbesserung bei Studierenden, deren Arbeiten ich über zwei Semester im Fach Consulting begleite. Die Studierenden erhalten kontinuierlich im Rahmen des Blended Learning Feedback (Weßel 2015). Dazu kann ich immer wieder dieselben Kommentarsätze in den von Studierenden auf der e-Learning-Plattform eingereichten PDF verwenden, zum Beispiel:

  • Fehler in Rechtschreibung, Grammatik und Satzzeichen markiere ich ohne weiteren Kommentar und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
  • Zentrale Frage im Projektmanagement und im wissenschaftlichen Arbeiten: Wer (Person!) macht Was (Aufgabe)? --> Passiv - und auch das unbestimmte "man" - in der Sprache markiere ich ohne weiteren Kommentar und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 
  • Slang - gehört nicht in ein Exposé, einen Projektplan oder Seminararbeit, Artikel ...
  • Quellenverweise und korrekte Quellenangabe im Literaturverzeichnis! - How to siehe Literatur auf https://www.christa-wessel.de/ressourcen/zu-methoden/literaturarbeit/

Es sind weder die Studierenden, noch die Schulen noch die Lehrenden allein verantwortlich. Es ist eine Mischung und es ist - fast - nie zu spät. Die Entwicklung, die die Studierenden gezeigt haben, mit denen ich vor einer Woche die zweisemestrige Consulting-Seminar abgeschlossen habe, war enorm.

 

Die Lösung: Fall-basiertes Lernen

Trockenschwimmen macht beim Tauchenlernen keinen Spaß. Genauso verhält es sich mit dem Erlernen wissenschaftlichen Arbeitens. Wozu, wenn ich es nicht gleich anwenden kann? Wie soll ich mir das alles merken, wenn ich vor lauter Theorien das wirklich Wichtige für meine Arbeiten nicht erkennen kann?


Also ist es gute wissenschaftliche und didaktische Praxis, die Studierenden mit wissenschaftlichen Arbeiten anhand ihrer eigenen Arbeiten vertraut zu machen. Am besten funktioniert dies in multi-disziplinären Projektgruppen, die über längere Zeit zusammen arbeiten (Weßel / Spreckelsen 2009). Es funktioniert auch in Kleingruppen, die ein Coaching zu ihren Bachelorarbeiten erhalten, und auch in Seminaren, in den die Studierenden in Kleingruppen oder allein kontinuierlich den Fortschritt und die Fragen ihrer Seminararbeiten im Semesterverlauf mit ihren Mitstudierenden und dem Dozenten besprechen.


Im Mininalformat setze ich dies in den Mini-Seminaren Wissenschaftliches Arbeiten um, indem die Studierenden jeweils ein Exposé und einen Projektplan zu ihren Projektarbeiten (wa1 und wa2) und ihren Bachelorarbeiten (wa3) erstellen. Ihre Arbeit daran beginnt am ersten Seminartag. Die Lernveranstaltung ist eine Mischung aus Dialog der Dozentin mit den Studierenden und praktischen Übungen der Studierenden in Kleingruppen.


Im Dialog geht es um theoretische Hintergründe. Es ist _keine_ Vorlesung. Die Studierenden müssen zur Vorbereitung von der Dozentin genannte Texte dazu lesen. Wenn sie dies nicht tun, können sie sich nicht am Dialog beteiligen und lernen weniger. Das verstehen Studierende sehr schnell.


Die Ergebnisse der Übungen stellen die Studierenden dem Forum vor. Meist erfolgt dies mit im Verlauf der Übung von den Studierenden erstellten Visualisierungen (Tafel oder Flipchart). Sie stellen Fragen an ihre Mitstudierenden und die Dozentin und alle treten dazu in einen Dialog.

 

Und vor allem: Teacher, leave us kids alone

Selbstbestimmtes Lernen entsteht manchmal unvorhergesehen, wenn beispielsweise die Studierenden einen Teil der Lernveranstaltung plötzlich ohne Dozent durchführen sollen. Und siehe da, sie tanzen nicht etwa über Tische und Bänke, sondern sind sehr wohl in der Lage, ein Thema wie beispielsweise "Mitarbeitergespräch - vor allem aus der Perspektive Führungskraft" eigenständig inklusive einer Visualisierung zu erarbeiten und dies dann wiederum in ihren Portfolios zu verwenden.

 

Reflexion und Echos der Studierenden

Der Leistungsnachweis in Consulting 2 besteht aus der Erstellung eines Portfolios. Alle zwölf Portfolios dieses Jahres sind sehr gut geworden. Drei Studierende haben in ihren Gesamtreflexionen die Absicht und die Durchführung dieses gemeinsamen kompetenz-orientierten Arbeitens von Lernenden und Lehrenden und die Bedeutung für sie selbst in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung hervorragend beschrieben. Sie haben mir erlaubt, Ausschnitte daraus anonymisiert zu verwenden:

Sie erzählen auch, warum Consulting und damit die Fachbuchreihe Elche fangen ... Basiswissen Consulting für Berater und Führungskräfte auch für diejenigen von Nutzen ist, die ein anderes Berufsziel als das des Beraters vor Augen haben.

 

Welcome back to the Volvo Ocean Race

How did you experience the first and second leg of this regatta and what do you expect for the third leg? How will you prepare for the third leg? What will the focus of your work, attitudes and strategies during the third leg be?

 

Diese Fragen habe ich den Studierenden zum Start von C2 gestellt. Sie sind angelehnt an die Auftaktmoderation im täglichen Bericht zum Volvo Ocean Race. Das Volvo Ocean Race ist eine Crew-Segel-Regatta in Etappen um die Erde.

 

Die Studierenden in Consulting 2 haben in den vergangenen Wochen die dritte Etappe sehr gut bewältigt (zwischen C1 und C2 im fünften und sechsten Semester liegt die Bachelorarbeit). Und sie sind auch sehr gut mit dem Marathon umgegangen, den sie selbst und auch die Dozentin gelaufen sind. Wichtige Erkenntnis: für manch eine oder einen war der Marathon der dritte Teil eines Triathlons. Das Gute im Marathon und auch in diesem Seminar war: Ein gute Laufgruppe. Einige Hasen, die andere mitgezogen haben, gab es auch. Eine geniale Atmosphäre. Ebenfalls sehr hilfreich war der Zuspruch durch die Zuschauer. Kollegen, Sekretärinnen, Leserinnen und Leser.

 

Die Seminare

Weiterlesen, -sehen und -hören

Christa Weßel - Dienstag, 24. April 2018


Blogrubrik Lernen & Lehren


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